Die aktuelle Fernsehkritik

D-Day – Die Spur der Väter

ARD | 06.06.2014

Bekanntlich steht derzeit der Erste Weltkrieg auf der Medienagenda, dessen Beginn genau 100 Jahre zurückliegt. Gedenktage, die an Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, kommen deshalb in diesem Jahr weniger zur Geltung oder vielleicht sogar zu kurz. So ergeht es auch dem sogenannten D-Day, dem Tag, an dem die alliierten Truppen in der Normandie landeten (6.6.1944) und der sich jetzt zum 70. Mal jährt. Aus heutiger Sicht bezeichnet der Begriff den Tag, der den Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs und vom Sieg über Hitler-Deutschland bedeutete. Seit Kriegsende finden alljährlich an den Stränden der Normandie große Gedenkfeiern statt, an denen viel internationale Politikprominenz beteiligt ist und die dann auch ihren Niederschlag in einer ausführlichen Medienberichterstattung finden. Beispielsweise hatte es vor zehn Jahren, im 60. Erinnerungsjahr an den D-Day, im deutschen Fernsehen, nicht nur im öffentlich-rechtlichen, sondern auch bei RTL und Pro Sieben, große Programmschwerpunkte dazu gegeben (vgl. FK 24/04).

Auch im Jahr 2014 findet am 6. Juni an einem der Strände der Normandie wieder ein großes Gedenkfest statt, an dem 19 Staats- und Regierungschefs, darunter die Präsidenten der USA und Russlands, teilnehmen werden. Das Fernsehen wird uns im Rahmen seiner aktuellen Berichterstattung daran teilhaben lassen. Was die Hintergrundberichterstattung betrifft, findet sich allerdings diesmal im TV-Programm, soweit festzustellen war, nur eine einzige neue Dokumentation zum Thema: „D Day – Die Spur der Väter“, von dem französischen Filmemacher Rodolphe Rutman für die ARD realisiert. Der Film wurde dann auch noch 30 Minuten später als geplant ausgestrahlt, weil ihm aus aktuellem Anlass noch eine Sendung über die überraschende Abdankung des spanischen Königs Juan Carlos vorgesetzt wurde.

Im Mittelpunkt von Rutmans Dokumentation zum 70. Jahrestag des D-Day stehen zwei Söhne von Vätern, die sich in der Normandie als Gegner gegenübergestanden hatten: Dies waren der US-Soldat Frederick Giesbert und der deutsche Wehrmachtsoffizier Heinze. Deren Söhne erzählen, wie ihre Väter die mörderische Schlacht erlebt haben, und sie berichten von ihrer gegenwärtigen Spurensuche zu den Geschehnissen. Denn die beiden Väter selbst haben ihnen nur wenig Auskunft darüber gegeben, so traumatisiert waren sie ihr Leben lang von ihren Erinnerungen an die „Operation Overlord“, ein wochenlanges Inferno, das große Opfer gefordert hatte. Deren Dimension lässt sich an den langen Kamerafahrten über die beiden großen Friedhofsanlagen in Nordfrankreich erahnen, die den Gefallenen beider Seiten als letzte Ruhestätte dienen. Sie machen aber auch deutlich, dass diese Spurensuche vom Gedanken der Versöhnung getragen ist. So betonen beide Söhne auch, dass ihre Väter jeweils der Menschlichkeit eines gegnerischen Soldaten ihr Überleben zu verdanken hatten.

Sehr stark bleibt die Dokumentation in dieser persönlichen Perspektive verankert; die zum Verständnis notwendigen historischen Fakten werden immer aus dieser Sicht vermittelt. Im Film tritt auch ein ehemaliger amerikanischer Kommandeur auf, der den Söhnen bei ihrer Spurensuche hilft, jedoch nicht explizit als Person vorgestellt wird. Außerdem ist ein Enkel des deutschen Regimentskommandeurs dabei, dem Vater Heinze einst untergeordnet war. Das Bildmaterial umfasst neben zahlreichen historischen Originaldokumenten ebenso nachgedrehte Spielszenen und Bilder von Exponaten aus dem „Overlord-Museum – Omaha-Beach“ in Colleville-sur-Mer. Das Museum ist erst 2013 vor Ort, in der Nähe des amerikanischen Soldatenfriedhofs, eröffnet worden, aber auch darüber erfährt der Zuschauer explizit nichts. Gegenübergestellt werden den historischen Erinnerungsbildern Szenen von der gegenwärtigen Spurensuche der beiden Protagonisten, die verknüpft werden mit aktuellen Impressionen vom Meeresstrand. Sie vermitteln die Weite der Landschaft, aber auch ihre politische Bedeutung mit Blick auf die im Gedenken an den D-Day errichteten Denk- und Mahnmäler.

Besonders eindrucksvoll sind auch die Zeichnungen, die die Söhne im Nachlass des Vaters Frederick Giesbert fanden und die das persönlich erlebte Grauen dokumentieren. Legt die Dokumentation auch Wert auf eine ausgewogene Behandlung aller an dem Geschehen beteiligten Nationen, so ist doch unübersehbar, dass diesem Frederick Giesbert hier eine besondere Rolle zukommt. Er war ein US-amerikanischer Soldat deutscher Abstammung, der nicht nur an der Invasion beteiligt war, sondern der sich auch vor Ort in eine junge Französin verliebte, dort mit ihr später eine Familie gründete und dann auch französischer Staatsbürger wurde. Der D-Day als Erinnerungsort war lange Zeit vor allem eine britisch-amerikanische Aktion; die Beteiligung französischer Kämpfer, etwa aus der Résistance, und das Leiden der französischen Bevölkerung unter dem Kriegsgeschehen sind erst allmählich Teil der offiziellen Erinnerungskultur geworden. Jetzt, nach 70 Jahren, sind es nunmehr die Kinder der Zeitzeugen, die den Gedanken an Versöhnung über alle politischen und kulturellen Grenzen hinweg weiter pflegen.

Brigitte Knott-Wolf/FK

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