Die aktuelle Fernsehkritik

"Die Seelen im Feuer"

ZDF | 02.03.2015

„Die Hinrichtung Unschuldiger lässt der Herr nicht zu“, heißt es hier einmal – ein Totschlagargument gegen jedweden Einwand an der Hexenverfolgung. Es ist ein perfides Geflecht aus irrationalen Erklärungen und dem vermeintlichen Wissen um den Willen Gottes, mit dem die Hexenjäger im Fernsehfilm „Die Seelen im Feuer“ ihre Gegner mundtot machen. Falls die von ihnen untersuchten „Druden“ anders als erwartet keinerlei „Hexenmale“ aufweisen, gibt es selbst dafür eine Erklärung: „Seine liebsten Gespielinnen zeichnet der Teufel nicht, denn er ist sich ihner sicher.“

Rettung gibt es also nicht, wenn man einmal im berüchtigten Bamberger Malefizhaus gelandet ist, einem im 17. Jahrhundert tatsächlich einzig für Hexen errichteten Gefängnis. Diejenigen, die sich „verstockt“ zeigen und weder ihre Teilnahme am „Hexentanz“ noch andere teuflische Vergehen zugeben wollen, werden so lange gefoltert, bis sie gestehen bzw. möglichst auch noch andere Mitbürger „besagen“, also der Hexerei bezichtigen. Folter, das bedeutet: Daumenstock, Beinschrauben oder Pendel, sprich, an den hinter dem Rücken zusammengebundenen Handgelenken an einem Seil zur Decke gezogen zu werden.

 In Bamberg wütete die Hexenhysterie besonders dramatisch; hier wurde Anfang des 17. Jahrhunderts knapp ein Zehntel der Bürgerinnen und auch Bürger als Hexen verbrannt. Auf Grundlage der phänomenal umfassend erhaltenen Dokumente jener Jahre schrieb die Historikerin Sabine Weigand den Roman „Die Seelen im Feuer“, den Regisseur Urs Egger nun für das ZDF verfilmte. Mit 110 Minuten durfte die Produktion dabei um 20 Minuten länger sein als sonst auf dem Sendeplatz für den ZDF-„Fernsehfilm der Woche“ üblich.

 Das Wichtigste dabei machen Buch (Annette Hess, Stefan Kolditz) und Regie schon mal richtig: den damals quer durch alle Schichten, Milieus und Bildungsgrade verbreiteten Hexenglauben wirklich ernst zu nehmen und nicht, was aus heutiger Sicht leicht die Versuchung hätte sein können, der Lächerlichkeit preiszugeben. Bis auf den aus Wien heimgekehrten Arzt und Aufklärer Cornelius Weinmann (Mark Waschke), der sich als Retter der Stadt erweisen wird, sind hier wirklich alle – man kann es nicht anders sagen – „besessen“ von ihrer Angst vorm Teufel und seinen Helferinnen, den Hexen. Eine Angst, die auch dazu dient, einen Schuldigen für das eigene Leid zu benennen, etwa wenn Ernteausfälle durch ungewöhnliche Wetterphänomene zu Hungersnöten führten.

 Auch die von Silke Bodenbender dargestellte weibliche Hauptfigur Johanna – als in die Geheimnisse der Heilkunst eingewiesene Apothekertochter eine an sich moderne, emanzipierte Gestalt – ist lange Zeit davon überzeugt, dass es mit der Hexenbekämpfung seine Richtigkeit hat. Erst als sie selbst aufgrund der „Besagung“ durch ein Kind im Malefizhaus landet und am eigenen Leib der „peinlichen Befragung“ ausgeliefert ist, ändert sich ihre Haltung: Eine reine Heldinnenfigur sieht anders aus. Weder schwarz noch weiß – das gilt für alle hier auftretenden, durchweg ‘runden’ Figuren. Dass Johanna ihre Haltung überhaupt revidieren, das Malefizhaus also wieder verlassen kann, verdankt sie übrigens der (historisch eher unwahrscheinlichen) Tatsache, dass ihr Jugendfreund Cornelius noch einen Gefallen gut hat beim mächtigen Fürstbischof Fuchs von Dornheim (Paulus Manker).

 Dornheim – bis auf Johanna und Cornelius sind alle hier auftretenden Figuren historisch belegt – ist ein grotesker, aber deshalb umso gefährlicherer Charakter. Voller Angst vor dem Teufel und den angeblich 133 Millionen Gestalten, die dieser annehmen könne, ist er rückhaltlos den Einflüsterungen seines fanatischen Weihbischofs Förner (Alexander Held) ausgeliefert. Manker und Held liefern sich hier grandiose Schauspielduelle, wie überhaupt die ganze Besetzung von „Die Seelen im Feuer“ exzellent ist. Allen voran Silke Bodenbender und Mark Waschke. Letzterem gelingt das Kunststück, die von ihm gespielte zentrale Heldenfigur weitgehend pathosfrei darzustellen, während Silke Bodenbender den inneren Wandel von Johanna glaubhaft zu machen versteht. In weiteren Nebenrollen glänzen Richy Müller, Rainer Bock, Axel Milberg oder Maximilian von Pufendorf; sie alle stellen sich dabei allerdings stets ganz in den Dienst der starken Geschichte.

 Urs Egger erspart dem Zuschauer wenig, was angesichts der Story konsequent ist: Für eine Primetime-Produktion bekommt man hier ziemlich starken Tobak zu sehen, was neben den bereits erwähnten Foltermethoden auch auf dem Scheiterhaufen verbrannte Kinder mit einschließt. Zugleich ist „Die Seelen im Feuer“ (Film-Line Productions und Eclypse Filmpartner) aber nicht effekthascherisch, bemüht sich erfolgreich um eine spannende und dabei halbwegs sachliche Darstellung der fatalen Hexenhysterie, die seinerzeit allein in Deutschland 25.000 Todesopfer forderte. Erwähnt seien auch die authentisch wirkende Licht- und Bildgebung (Kamera: Holly Fink) sowie Szenenbild (Petra Heim) und Kostüm (Birgit Hutter), die dafür sorgen, dass Räume und Protagonisten historisch, aber eben nicht ‘kostümiert’ aussehen.

 Gelungen ist auch der Schluss des Films, der zwar tröstlich ist, jedoch keinesfalls ein umfassendes Happy End: Die „Hexenbrenner“ ziehen nach Schwaben weiter, um dort ihr schreckliches Werk fortzusetzen, während der fast leere Bamberger Dorfplatz für all die Menschen steht, die bei der Treibjagd ihr Leben lassen mussten.

 So bleibt nur ein Kritikpunkt: Wieso stellen Roman und Film ausgerechnet eine kräuterkundige, einmal auch als Geburtshelferin auftretende Frau ins Zentrum ihrer Geschichte, wenn es sich doch anscheinend um einen Mythos handelt, dass vorrangig „Kräuterhexen“ und Hebammen als Hexen verbrannt wurden, wie der im Anschluss gezeigte Beitrag „Hexenwahn – Die Dokumentation“ und die Pressemappe zum Film aufzeigen? Wieso wurden der blonden Silke Bodenbender für diese Rolle die Haare rot gefärbt, obwohl auch die Haarfarbe laut der Dokumentation gar kein Kriterium dafür war, ob eine Frau als Hexe verbrannt wurde oder nicht? Da ist man beim ZDF einerseits zu Recht stolz, historisch Korrektes zu vermitteln – und andererseits werden dann leider doch wieder durch Aussehen und Beruf der Hauptfigur des Spielfilms Klischees bestätigt.

 Insofern erweist die halbstündige Dokumentation von Ricarda Schlosshan und Heike Schmidt dem Spielfilm gewissermaßen einen Bärendienst, indem sie auf diesen Widerspruch hinweist. Abgesehen davon ist diese ‘Huckepack-Doku’ eine interessante Ergänzung zum fiktiven ersten Teil dieses ZDF-Themenabends zum Hexenwahn. Von der Machart her wenig anspruchsvoll und erwartbar: Interview-Ausschnitte mit zwei Historikern, darunter die Romanautorin Sabine Weigand, wechseln sich ab mit Spielfilmszenen aus „Die Seelen im Feuer“, Archivbildern oder Luftaufnahmen der Stadt Bamberg. Doch insgesamt bietet die Dokumentation inhaltlich durchaus einen Mehrwert an Information und Einordnung: So erfährt man etwa, dass der große Kirchenvater Thomas von Aquin den Grundstein für den kirchlichen Hexenglauben legte. Aber auch, dass die katholische Kirche Hexenverfolgung bis ins 13. Jahrhundert explizit ablehnte und dass der Großteil der Hexenverbrennungen in der Neuzeit und nicht im Mittelalter stattfand.

Die ewig gültige Dimension des Ganzen – „das Fremde“ oder „das Andere“ verantwortlich zu machen für das eigene Leid – vermittelt sich bei alldem ganz von selbst. Ein alles in allem enorm mitreißender und gelungener ZDF-Themenabend. Den Spielfilm sahen 4,63 Mio Zuschauer (Marktanteil: 14,5 Prozent), die anschließende Dokumentation 3,55 Mio (13,6 Prozent).

3.3.15 – Katharina Zeckau/MK

                                                + + + ONLINE sichtbar bis 14.03.2015 in der ZDF Mediathek + + + 

Die Seelen im Feuer (ZDF), Mo 2.3.15, 20.15 bis 22.05 Uhr

Hexenwahn – Die Dokumentation (ZDF), Mo 2.3.15, 22.05 bis 22.35 Uhr

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