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Wort zum Tage, 02.07.2024

Andreas Hauber, Ellwangen

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Vor Kurzem habe ich eine eigentlich simple, aber für mich eindrückliche Erfahrung gemacht. Ich bin eigentlich ein sehr höflicher und freundlicher Mensch, eher zurückhaltend und dränge mich nicht gerne auf. Ich würde mich also eher zu den leiseren Menschen zählen.

Damals hatte ich aber einen wirklich schlechten Tag und bin sehr dünnhäutig und leicht reizbar gewesen. Irgendwie war diese Reizbarkeit stärker als alles andere. Weil ich einiges zu erledigen hatte, bin ich an diesem Tag in die Stadt gefahren. Zuerst gehe ich in ein Geschäft, dessen Besitzer, ein griesgrämiger alter Mann, nicht gerade für seine Höflichkeit bekannt ist. Er fährt mich an, ist zornig und abweisend. Gerade so, als wäre ich nicht dazu da etwas zu kaufen, sondern nur um ihn zu stören. Die Details sind nicht so wichtig. Auf jeden Fall gerät er bei mir an den Falschen, ich fahre ihn genauso schlecht gelaunt an und lasse alle meine Umgangsformen, die mir sonst heilig sind, außer Acht. Und siehe da: Plötzlich ist der Mann freundlich. Er wendet sich mir zu, bedient mich zuvorkommend, versucht es mit Scherzen. Und entschuldigt sich auch noch dafür, dass er irgendetwas, das ich brauchte, nicht sofort gefunden hat.

In den anderen Geschäften ging es so weiter. Ich war pampig, direkt, laut, ungeduldig. Und alle behandelten mich zuvorkommend. Ich wurde anderen Kunden vorgezogen, zügig und freundlich bedient. Auch am Telefon, als ich etwas wegen meines Mobilfunkvertrages klären musste, war ich unverschämt und ungehalten. Und musste keine 10 Minuten in der Warteschleife vertrödeln. Abends hatte ich alles schnell erledigt, habe bekommen, was ich wollte, ohne zu lang zu warten, ohne dass sich jemand an der Kasse vorgedrängelt hatte. Es war also ein erfolgreicher Tag. Und das vor allem, weil ich unfreundlich gewesen bin. Überall wo ich mich gegen meine eigentliche Art verhielt, war ich viel erfolgreicher als sonst. Das war erschreckend für mich.

Offenbar ist es tatsächlich so, dass nicht der Rücksichtsvolle, sondern der Rücksichtslose im Leben leichter vorankommt. Es wird meist eher auf die Lauten geschaut, die leisen Menschen werden übersehen. Ich vermute, das passiert oft gar nicht absichtlich. Es ist einfach so. Und das finde ich schade. Ich glaube, es geht uns deshalb in der Gesellschaft, der Familie, im Arbeitsleben vieles verloren: Viele gute Lösungen, viele gute Ideen, nur weil leisere, schüchterne oder ängstliche Menschen nicht oder zu wenig gehört werden. Weil sie übertönt werden von den Lauten.

Vielleicht könnten wir bei manchen der Probleme, die uns umtreiben schon weiter sein, wenn wir mehr auf die hören würden, die nicht so gut zu hören sind. Ich glaube, es lohnt sich hinzuhören.

Über den Autor Andreas Hauber

Es ist eine große Herausforderung über Gott zu sprechen. Ich denke, dass man ihn mit Worten nicht fassen kann, dass alle Begriffe abrutschen und ihr Ziel letztlich verfehlen. Sprechen über Gott kann nur eine Annäherung sein. Das versuche ich auch mit meinen Beiträgen: Mich ihm anzunähern. Ich speise meine Texte aus meinem Leben, aus dem was mir begegnet und was mich umtreibt. Das setze ich in Beziehung zu meinem Glauben. Ich war immer neugierig, wollte immer so viele Facetten des Lebens wie möglich kennenlernen. Vielleicht ist das an meinem beruflichen Werdegang abzulesen. Ich bin gelernter Krankenpfleger, habe Theologie und Philosophie studiert, war 5 Jahre auf einer Berghütte, dann in der Flüchtlingsarbeit tätig, dann Betreuer für einen jungen Mann mit Handicap und noch manches mehr, derzeit arbeite ich auf dem Bau. Ich lebe wieder in Ellwangen, wo ich 1980 auch geboren wurde.