"Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten!
Denn in der Mitten
liegt holdes Bescheiden."
In meiner Schule hatte uns der Deutschlehrer aufgegeben, ein Gedicht auszusuchen, zu lernen und vor der Klasse vorzutragen. Warum meine Wahl gerade auf dieses Gedicht von Eduard Mörike fiel, ist nicht schwer zu erraten: Es ist von lobenswerter Kürze, ideal für faule Schüler. Immerhin kann ich es nach über 50 Jahren immer noch auswendig.
Wobei ich es damals inhaltlich etwas spießig fand. "In der Mitten" klingt nach mittelmäßig. Nicht zu viel, nicht zu wenig, gerade richtig, – das schien mir damals nicht besonders attraktiv. Heute sehe ich das anders. Das gilt natürlich vor allem für das Leiden. Wenn ich mitbekomme, was manche Mitmenschen durchmachen müssen, ist die Bitte verständlich, damit nicht überschüttet zu werden. Leiden kann zwar unter Umständen helfen, die eigene Angewiesenheit und Zerbrechlichkeit zu verstehen. Für andere, die leiden, Verständnis zu empfinden. Im Übermaß kann es einen jedoch dazu bringen, nichts anderes mehr wahrnehmen zu können. Leiden kann zerstören.
Ein Übermaß an Freuden scheint dagegen im ersten Moment nicht unattraktiv. Freude ist ja etwas Schönes, die ich jedem wünschen will. Aber im Übermaß kann sie überheblich machen, blind für andere, denen es nicht so gut geht. Ich beginne womöglich, nur noch dafür zu leben. Und es als selbstverständlich zu betrachten, dass es mir gut geht. Zu viel Armut oder Reichtum: Beides kann mich zum Egoisten machen, der nur noch sich selbst und die eigenen Bedürfnisse sieht.
Es ist Lebensklugheit, die aus diesem Gedicht spricht. Wobei ich am Anfang noch nicht das ganze Gedicht vorgetragen habe, das war bisher nur die zweite Strophe. Mörike hat später noch eine erste Strophe hinzugefügt, in der er den nennt, dem er seine Bitte um Maß bei Freud und Leid vorträgt:
"Herr! Schicke was Du willst,
ein Liebes oder Leides;
ich bin vergnügt, dass beides
aus deinen Händen quillt."